In den Fängen des inhumanen „Fortschritts“

Wiederum muss unsere Friedensgemeinschaft von San José de Apartadó in der Öffentlichkeit des Landes und der ganzen Welt jüngsten Ereignisse anprangern. Es geht wieder um Opfer des Paramilitarismus. Nach wie vor handeln die Paras, ohne von einer zuständigen Behörde gestört zu werden, weil sie wirtschaftliche und politische Unterstützung haben, was sie für den Kampf gegen die Bauern und deren Projekte stark macht.

In den letzten Wochen wurde eine Menge illegaler Straßenbauarbeiten auf den Straßen von San José de Apartadó durchgeführt. Wir wissen, dass die größten Anstifter Paramilitärs sind,
weil sie bereits die Bewohner der verschiedenen Dörfer versammelt und ihnen hohe Geldsummen, die illegale Steuern sind, abgeknöpft haben. Das Geld (800000 Pesos, knapp €200 pro Einwohner) werde angeblich für den Brennstoff der Maschinen benutzt, die sie in der Armee (XVII. Brigade) brauchen.
Alles begann vor einer Weile mit einigen Straßenbauprojekten, die allesamt ohne behördliche Genehmigung durchgeführt wurden.  Bürgermeister und nationale und regionale Institutionen behaupteten, über alle diese Projekte von Paramilitärs nichts zu wissen.
Es ist öffentlich bekannt, dass jeder Siedler in der Gegend Geld für die Öffnung oder Verbesserung der Straßen beisteuern muss.

Als Gemeinschaft sind wir besorgt über die Doppelstrategie, die auf dem Spiel steht, um die natürlichen Ressourcen unserer Region zu nutzen. Das Beunruhigendste ist, dass sich die Bevölkerung der Umwelt bedient und sie ausbeutet.

Natürlich wird dieser ganze Plan unter dem Deckmantel „Fortschritt“ oder „Entwicklung“ der Region präsentiert. Er ist aber illegal, wie es in der Region immer üblich war. Erstens sind diese Wege nicht Teil eines Territorialplanungsplans und haben keine Umweltlizenzen. Es wird nicht mit den Gemeinden über das Vorhaben kommuniziert und man erpresst illegale Steuern mit Hilfe einer kriminellen Struktur, die die Region ausbluten lässt und von einem kriminellen Staat belohnt wird, der ihr absolute Straffreiheit für ihre Verbrechen garantiert.
Aber dabei –  vielleicht am perversesten – sind die Ziele dieses falschen „Fortschritts“ oder dieser „Entwicklung“ als Dienstleistung von transnationalen Bergbau-Ressourcengewinnungsunternehmen getarnt. So wird die Umwelt und die menschliche Gesundheit, die aufbaut auf einer wirtschaftlichen Transformation von der Land- zur Viehwirtschaft, insgesamt also die lebenserhaltende Nahrungsmittelproduktion zerstört Einige Regierungsbeamte versuchen sich nun aus der Affäre zu ziehen, indem sie behaupten, diese Straßen seien Teil der PDET (Programas de Desarrollo con Enfoque Territorial , Programme zur ländlichen Entwicklung),  die im Friedensabkommen zwischen der Regierung und der Farc-Guerrilla  von 2016 vorgesehen sind.
In Wirklichkeit handeln sie aber gegen das, was das Friedensabkommen über PDET festlegt.

Tatsächlich werden dort als vorrangige Ziele der PDET definiert: „Das Wohlergehen und das gute Leben der Menschen in ländlichen Gebieten – Kinder, Männer und Frauen –, indem sie ihre politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte wirksam machen und die Auswirkungen von Elend und Konflikten umkehren (…) und die Entwicklung der Bäuerlichen und Familienwirtschaft (Genossenschaft, Gegenseitigkeit, Gemeinschaft, Kleinstunternehmen und Solidaritätsverein) und der eigenen Formen der Gemeinschaftsproduktion

Glaubt die Regierung sich an das Friedensabkommen zu halten, wenn sie nicht die Bedürfnisse der Gemeinden erfragt? Indem sie die Paras handeln lässt und diese Bauern dazu verleiten, Familienwirtschaft zu zerstören, um sie gegen Strategien einzutauschen, die Böden ruinieren.
ihre Bewohner zu vertreiben? Das ist einfach pervers, denn die Regierung weiß es besser.
Es ist klar, dass diejenigen, die diese Pläne des „Fortschritts“ und der „Entwicklung“ koordinieren und kontrollieren, die Paramilitärs und diejenigen, die ihnen die Arbeit machen, also die Militärbrigaden,  sind. So haben es Leute wie César Jaramillo, der zum Kakaofarmer-Verband Fedecacao, gesagt: Es ist bereits eine Tatsache, dass diese Straßen gebaut und eröffnet werden, das Geld dafür gibt es bereits. Es ist das Geld, das die Paras von den Bauern erpressten.

Im folgenden werden wir nun über die jüngsten Ereignisse in unseren Gemeinden berichten.

Am Sonntag, den 28. März 2021, wurde tagsüber im Gemeindegebiet von Frasquillo in Tierralta, Córdoba, ein bekannter Politiker der Paramilitärs, die diese Region kontrollieren, gesehen.
Am Mittwoch, dem 31. März 2021, als sich eine humanitäre Kommission unserer Gemeinde im zur Gemeinde Tierralta gehörenden Dorf Baltazar aufhielt, sahen wir viele Paras, die mit Sprechfunkgeräten über unsere Aktivitäten berichteten.
Am Sonntag, dem 11. April 2021, erfuhr unsere Friedensgemeinschaft, dass weiterhin illegale Straßen im Gebiet von San José de Apartadó eröffnet würden.

Am Montag, dem 12. April 2021, erhielten wir Berichte, dass die Paramilitärs den Einwohnern illegale Steuern für den Straßenbau auferlegen würden. Die Tiefbauarbeiten werden mit Maschinen erledigt, die der Heeresbrigade gehören.

Am Dienstag, dem13. April 2021, wurde tagsüber eine starke paramilitärische Präsenz in La Unión, das zu San José de Apartadó gehört, festgestellt.
Am selben Tag befahl  eine Gruppe von Paramilitärs Familien, die gerade in  Las Nieves ihr Feld bestellten, die Arbeit einzustellen, sonst müssten sie die Region ganz verlassen.

Am Donnerstag, dem 15. April 2021,  wurde uns mitgeteilt, dass die Junta de Acción Comunal (eines der lokale Mitbestimmungsgremien, von der Verfassung vorgesehen, in der Parxis oft von lokalen Machteliten korrumpiert, Anm. d. Ü) des Dorfes La Esperanza  sich mit anderen kommunalen Gremien getroffen habe, um eine mögliche Enteignung unseres Privateigentums zu organisieren. Unsere Friedensgemeinschaft habe ihnen nicht erlaubt, eine bestimmte Straße zu passieren. Hierbei geht es wieder um nicht genehmigte Bauvorhaben, die wiederum durch illegale von den Bauern erpresste Steuern (angeblich für den Treibstoff der militärischen Maschinen) finanziert werden soll.

Am Samstag, den 17. April 2021, wurden tagsüber im Dorf El Porvenir zwei Gruppen von mit Gewehren bewaffneten Paramilitärs in Tarnunoiform gesehen. Jede dieser Gruppen hatte etwa 15 Mann und teilte sich auf, um zu patrouillieren und das Gebiet zu kontrollieren.

Auch am Mittwoch, den 21. April 2021,wurde in Arenas Altas, ganz in der Nähe unserer Friedensgemeinschaft eine Gruppe schwer bewaffneter Paramilitärs gesehen.

Am Donnerstag, 22. April 2021, um 13 Uhr, versammelte sich mehr als drei Stunden lang in dem Dorf La Cristalina eine Gruppe von Paramilitärs Bei diesem Treffen wurde die Drohung der Paramilitärs wiederholt, dass jeder die von ihnen auferlegte Gebühr für den Straßenbau zahlen müsse. Wer nicht zahle, müsse Konsequenzen tragen.

In den letzten Tagen kursierten Fotos in den sozialen Medien von Treffen und Vereinbarungen zwischen Bewohnern des ländlichen Gebietes  von San José  mit Mitarbeitern der XVII. Heeresbrigade für den Bau von Straßen in San José de Apartadó. Klar ist, dass auf der einen Seite das Militär mit seinem schweren Gerät neue Wege öffnet, während die Paramilitärs die Bauern erpressen und zwingen, sich an diesem Projekt zu beteiligen.

Die Paras unterstützen wirtschaftliche Interessen. Das geht bis dahin, dass sogar die Bearbeitung des Landes verboten ist, als eine Strategie, um den Bauern zu enteignen, denn er kann sein Land nicht ohne Ertrag halten, er muss es  am Ende verkaufen, und zwar an den gleichen Unternehmer, der die Paramilitärs anheuert.

Der Wunsch, unsere Friedensgemeinschaft zu vernichten, besteht fort und dafür ermutigen der Staat und die Paramilitärs die Bevölkerung, gegen unsere Gemeinschaft vorzugehen. Ihr Versprechen ist,  illegale Straßen zu bauen und damit bessere Verbindungswege. Leider sind sie nicht an den Bauern interessiert, sondern an ihrer Zerstörung. Und die Bauern selbst, die sich darauf einlassen, arbeiten auch an ihrer eigenen Zerstörung.

Wir danken nochmals den Menschen und Gemeinschaften, die uns an verschiedenen Orten des Landes und der Welt aus innigsten Überzeugungen in diesen mehr als 24 Jahren der Friedensgemeinschaft begleitet haben und die trotz der Isolation durch die Pandemie die kolumbianische Regierung weiterhin jeden Tag unter Druck setzen, damit sie nicht weiterhin unser Leben oder unser Erbe zerstört. Wir danken aufrichtig dafür, dass sie diesen Prozess der Verteidigung des Lebens verfolgt haben und uns auch moralisch ermutigen, unsere Grundsätze weiter zu verteidigen.

Friedensgemeinschaft San José de Apartadó, 23. April 2021

Das Ende der Friedensgemeinschaft – davon träumen die Mächtigen

Erneut sehen wir uns, wie schon bei vielen anderen Gelegenheiten, in der Pflicht, Kolumbien und der Welt Zeugnis von den jüngsten Ereignissen abzulegen, die uns erneut zum Opfer einer mörderischen Gruppierung gemacht haben, deren Ziel unsere Auslöschung ist.

In unserem letzten Bericht haben wir bereits auf das Projekt verwiesen, das derzeit im Raum San José de Apartadó den Bau von Zufahrtsstraßen zu einigen Dörfern vorsieht. Wir haben uns dagegen ausgesprochen, dass einige dieser Wege über uns gehörendes Gelände im Dorf La Esperanza führen, und wir haben mehrfach darauf hingewiesen, dass es uns als nicht richtig erscheint, diese Wege unter Verstoß gegen die bestehenden Vorschriften zu bauen: Also ohne die vorgeschriebene vorherige Konsultationen mit den Gemeinden, ohne die nötigen Umweltgenehmigungen, ohne die Abstimmung des Baus mit dem  Territorialplanungsplan.

Diese neuen Verbindungswege sollen in erster Linie den Interessen transnationaler Unternehmen dienen, die ohne Rücksicht auf den Umweltschutz unsere natürlichen Ressourcen ausbeuten. Deren Management in der Region wurde den Paramilitärs anvertraut. Sie nutzen dabei  Maschinen und Militärpersonal der 17. Heeresbrigade, die seit jeher unsere Gegend mit Blut und Leid überzieht. Und sie erheben für den Bau bei allen Einwohnern illegale und erpresserische Steuern, mit deren Erlös angeblich die Kosten der Militär-Logistik bestritten werden. Dabei werden der Bevölkerung die Unregelmäßigkeiten (wie etwa der illegale Einsatz des Militärs, Anm. d. Ü.) verheimlicht. Wir, die wir darüber aufklären und die kommunalen Gremien auf ihre offensichtliche Manipulation durch korrupte Beamte und kriminelle Strukturen aufmerksam machen wollen, werden dafür bedroht.

Am Freitag, 30. April, gelangte uns ein vom 24. April datierter Text zur Kenntnis, der angeblich von Juntas de Acción Comunal (Mitbestimmungsgremien auf lokaler Ebene, von der Verfassung vorgeschrieben, in der Praxis oft von lokalen Herrschaftsstrukturen beherrscht, Anm. d. Ü.) der Region stammt. Das Papier stellte eine Antwort auf unsere Stellungnahme zum Wegebau vom 23. April dar. Sie behaupten in dem Dokument, sie förderten eine nachhaltige Entwicklung, was freilich in krassem Widerspruch zu den Tatsachen steht. Ferner behaupten sie, nur sie allein seien berechtigt, für die regionale Bauernschaft zu sprechen. Damit schließen sie sich der Politik der Knebelung der Opfer an, die die Heeresbrigade schon im September 2018 zu betreiben versuchte, als sie gerichtlich gegen uns vorging, um uns zum Schweigen zu bringen.  Damals wie heute sollten wir daran gehindert werden, die Missstände vor aller Öffentlichkeit anzuprangern. Es war ihnen egal, dass sie dadurch gegen die höchsten Prinzipien des internationalen Rechts verstoßen.

Sie behaupten auch, die staatlichen Sicherheitskräfte bekämpften die Paramilitärs, was weit entfernt ist von der bitteren Realität, die wir tagtäglich erleben und deren Aggressionen wir täglich ebenso verzeichnen wie die Informationen über die dafür verantwortlichen Offiziere und Soldaten. Ebenso wird die Anwesenheit der Paramilitärs schlankweg geleugnet, so wie es höhere Regierungsinstanzen ebenfalls tun und wie das vom Obersten Gericht und der internationalen Öffentlichkeit immer wieder beklagt wird.

Sie verleumden unsere Friedensgemeinde in völliger Unkenntnis dessen, wer wir sind und was wir wollen. Einige glauben, wir seien ein Unternehmen, das Arbeitskräfte anstelle und ihnen die Löhne vorenthalte, das Grundstücke besetze und deren Anwohner vertreibe. Mit anderen Worten, das Dokument ist voll von haarsträubenden Lügen, von unverzeihlicher Ignoranz, von Leugnungen der offensichtlichsten Tatsachen und von dem Anspruch, allein berechtigt zu sein, für alle Bürgerinnen und Bürger zu sprechen, was allen Grundsätzen des friedlichen Zusammenlebens zuwiderläuft.

Das Dokument enthält auch eine schmeichlerische Verteidigung von César Jaramillo, einem hohen Mitarbeiter der Fedecacao (Verband der Kakao-Farmer, Anm. d. Ü.), der die tatsächliche Führung der Juntas übernommen hat und der sich als Autor des Schriftstückes herausstellte, das er zusammen mit der Kommunalverwaltung von Apartadó verfasst hat. Denn am gleichen Tag machten wir im Internet eine interessante Entdeckung: Das Schreiben stammte aus dem Rathaus der Gemeinde Apartadó, es stützte sich auf eine frühere Version vom 6. Juli 2009 (im Original faksimiliert, Anm. d. Ü.). Damit ist für uns bewiesen, dass das angeblich von den Juntas de Acción Comunal verfasste Papier aus dem Rathaus stammt.

Das deutet darauf hin, dass die Kommunalverwaltung den Zwist zwischen verschiedenen Teilen der ortsansässigen Bevölkerung aktiv schürt. Sie bescheidet sich nicht damit, paramilitärische Strukturen zu tolerieren, zu erhalten und zu schützen. Sie ermöglicht es den Paramilitärs sogar, ihre absolute Kontrolle in den Dörfern und auf den Straßen aufrechtzuerhalten. Sie versucht, die Juntas de Acción Comunal gegen unsere Friedensgemeinde in Stellung zu bringen, die Juntas zum Hass anzustacheln und ihnen zu versprechen, dass sie Schluss machen werden mit uns.

Am Samstag, 1. Mai, trafen sich in La Esperanza de San José de Apartadó rund 24 Vorsitzende der Juntas de Acción Comunal aus den zu San José de Apartadó gehörenden Dörfern. Von César Jaramillo und Mitarbeitern des Bürgermeisters von Apartadó bekamen sie den Text vorgelegt, ferner eine Art Vertrag, in dem sie sich zur Auslöschung unserer Friedensgemeinde bekennen sollten. César Jaramillo fotografierte viele der Unterzeichner und postete die Bilder auf seiner Facebook-Seite, was bei einigen Unterzeichnern Empörung auslöste.

Paramilitärs, die in unserer Region kontrollieren, bedrohen, rekrutieren, erpressen und morden, hinterließen am selben Tag Flugblätter vor unserer Siedlung San Josesito und an verschiedenen Orten von San José de Apartadó.

Am Sonntag, 2. Mai, veröffentliche César Jaramillo auf seinem Facebook-Account „Cesa Jaramillo“ eine Reihe von Beiträgen, in denen er Fotos von Menschen, darunter einige der Junta-Vorsitzende, mit Sätzen der Aufstachelung zur Gewalt öffentlich macht, wie die folgenden: „Die Führer von San José de Apartadó treffen Entscheidungen angesichts der Übergriffe der Friedensgemeinde“ oder „Der Kampf geht weiter, wir befreien uns von der Friedensgemeinde“ oder „Die Friedensgemeinde kriegt es nun mit den Juntas de Acción zu tun“.

Das erinnert uns an den 29. Dezember 2017, als fünf bewaffnete Paramilitärs versuchten, unsere Leute zu ermorden und als die Täter kurz darauf von Luis Pérez, dem Gouverneur von Antioquia (Departement, zu dem Apartadó gehört, Anm. d. Ü.), und diesem Herrn Jaramillo verteidigt wurden: Die Täter seien keine Paramilitärs, sondern Kakaobauern oder Friseure aus derselben Gemeinde.

Am Sonntag, 2. Mai, richtete der Junta-Vorsitzende des Dorfes La Unión eine Ergebenheitsadresse an Jaramillo. Der Paramilitär Wilfer Higuita aus La Unión und Jaramillo benutzte die Äußerung, um verbal gegen unsere Friedensgemeinde vorzugehen, indem sie uns als „eine Herde von Hurensöhnen“ bezeichneten.

Am Montag, 3. Mai, gegen 15 Uhr bemerkten Mitglieder unserer Friedensgemeinschaft, als sie von San Josecito nach La Esperanza fuhren, zwei bekannte Paramilitärs in El Filo de las Nieves. „Higuita“ und „Richi“ hatten sich im Wald versteckt, um zu spionieren, wohin die Mitglieder der Gemeinde fuhren.

Am selben Tag gegen 17.40 Uhr schmissen Unbekannte Steine an den Zaun unserer Gemeinschaft am Tor von Esperanza. Auch Stockschläge waren zu hören, ebenso Freudenschreie über die Zerstörung unseres Schildes. .

Am Mittwoch, 5. Mai, erfuhren wir, dass César Jaramillo alle Junta-Vorsitzenden von San José zu einer Sitzung am 6. Juni einberufen hat, um einen Zusammenschluss der Juntas zu schaffen  und dass dabei über weiteres Vorgehen gegen die Friedensgemeinde beraten werden soll. Bei diesem Treffen dürfen nur die 31 Junta-Vorsitzenden teilnehmen, die den oben erwähnten Text gegen uns unterzeichnet haben.

Für unsere Friedensgemeinschaft ist diese neue Vernichtungskampagne kein Novum. Sowohl die Armee als auch alle staatlichen Stellen sowie Bürgermeister und Gouverneure haben sich vorgenommen, uns zu vernichten. Viele Jahre lang wiederholten die Soldaten, die bei uns aufkreuzten, die Drohung: „Entweder wir kriegen sie mit der Justiz weg, oder wir töten sie“, was einer Mord-Botschaft an unsere Adresse gleichkam: Ihr passt nicht in dieses Land.

Das Buch „En las entrañas del genocidio“ (etwa: Im Inneren des Völkermordes, Anm. d. Ü.), das die insgesamt 1462 Verbrechen gegen die Menschlichkeit auflistet, deren Ziel unsere Friedensgemeinde bis Mitte 2018 war und das heute zahlreichen internationalen Gerichten und Organisationen vorliegt, führt minutiös sieben Strategien der Auslöschung auf, die der Staat und die in Kolumbien herrschende Klasse anwenden, um uns kleinzukriegen. Das haben sie noch nicht geschafft. Vielleicht schaffen sie es noch – wir haben uns jedenfalls dafür entschieden, Widerstand zu leisten, ohne aufzugeben.

Es ist allgemein bekannt, dass César Jaramillo der Chef des Kakaofarmer-Verbandes Fedecacao ist und dass er jetzt de facto die Juntas de Acción Comunal lenkt, auf welcher juristischen Grundlage auch immer. Er selbst gibt zu, dass er eng mit dem Bürgermeister von Apartadó zusammenarbeitet, wie in seinem Facebook-Auftritt zu sehen ist.

Wir haben bereits früher unsere Besorgnis über das Bündnis zum Ausdruck gebracht, das im März letzten Jahres zwischen der Militärschule José Maria Cérdoba und dem Kakaofarmer-Verband besiegelt wurde, um Kakao produzierende Familien zu beraten. Nach unserer Erfahrung ist die Einmischung von Militärangehörigen in das Kakao-Geschäft fatal, so wie ganz allgemein die Anwesenheit bewaffneter Akteure in zivilen Angelegenheiten verheerende Auswirkungen hat.

Wir können die schreckliche Einmischung der Armee in unsere bescheidene und prekäre Vermarktung von Kakao nicht vergessen. Am 11. Juli 2001 stahlen vier Angreifer eine ganze Lieferung Kakao, die unsere Gemeinschaft nach Medellin geschickt hatte, einschließlich des Transporters, und zitierten unsere Führer an den Ort des Raubüberfalls, um sie zu töten. Dabei stellte sich heraus, dass Soldaten der 17. Heeresbrigade dabei waren, die abwechselnd an der Kontrollstelle von la Balsa Dienst schoben. Ähnliches wiederholte sich gut ein Jahr später. 2014 verbreitete Oberst Germán Rojas Díaz, der Kommandeur der Brigade, ein absolut verleumderisches Video voller Montagen, das uns illegale Kakaoexporte vorwarf. Es war also weder ehrenhaft noch legal, dass sich die Armee in den Kakaosektor eingemischt hart, sondern nur ein schmutziges Spiel. – Wir bedauern, dass die Juntas Comunales durch die Aktivitäten von César Jaramillo nun mit dem Kakaofarmer-Verband, der Armee und dem Rathaus zusammenarbeiten. Wir ahnen, dass bald nichts mehr transparent sein wird.

Wir unterstreichen nochmal, dass unsere Beschwerden immer darauf ausgerichtet waren, die Tätigkeit der Paramilitärs nachzuweisen, die durch staatliche Unternehmen und Institutionen gestärkt wurden. Wir ziehen nicht die Ehrlichkeit und den guten Ruf der Juntas in Zweifel, wir stehen ihnen nicht feindselig gegenüber.  Im Gegenteil, wir haben immer darauf gedrungen, dass alle Juntas autonom seien, dass sie sich gegen militärische Unterdrückung zur Wehr setzten, dass sie sich nicht von dem korrupten Verhalten der öffentlichen Bediensteten beeinflussen lassen, die nur vor ihren Chefs gut aussehen wollen. Wir sind außerordentlich traurig darüber, dass diese ehrenwerten Bauern, die wie wir diesen Krieg erlitten haben, heute jene Bauern sind, die die Zerstörung einer Vorgehensweise unterstützen, die  nur dem Überleben der Zivilbevölkerung in der Region gegolten hat.

Aber wir müssen klar sehen; Es ist nicht das erste Mal, dass Briefe gegen die Zivilbevölkerung unterzeichnet werden. Erinnern wir uns, wie 2017 beim Besuch von Vizepräsident General Oscar Naranjo in San José de Apartadó – wieder in Zusammenarbeit mit César Jaramillo – Dokumente einer angeblichen „Entwicklung“ unterzeichnet wurden, die bereits vorgefertigt waren und die die Mitglieder der Juntas de Acción Comunal unterschrieben, vermutlich ohne diese Dokumente vorher richtig studiert zu haben, und anschließend wurden diese Unterschriften dann gegen dieselbe Bevölkerung verwendet.

Seit 24 Jahren versuchen wir, mit kollektiven, legal erworbenen Landflächen unsere Friedensgemeinde zu festigen. Wir haben uns der Frage der Landrückgabe nie entzogen, wie das erwähnte Dokument behauptet. Im Gegenteil, wir beteiligen uns am juristischen Prozess der Formalisierung unserer Grundstücke, die mitunter Gegenstand von Klagen von ehemaligen Eigentümern sind, die uns freilich die Landtitel freiwillig und ohne Druck verkauft haben. Aber in juristischen Verfahren muss aufgrund von Beweismitteln herausgefunden werden, wer recht hat.

Wir schicken diesen Bericht in einer Zeit, in der Kolumbien der Schauplatz einer  wahren Tragödie ist. Die Proteste gegen die diskriminierende, unfaire, repressive  Politik der Regierung sind explosionsartig angewachsen, und die Regierung hat darauf mit Tötungen und Verunglimpfungen des Protestes reagiert. Die Zahl der Opfer ist riesig.

Gleichzeitig danken wir allen unseren Freundinnen und Freunden in aller Welt für ihre Solidarität mit unserer Gemeinde, die seit 24 Jahren in der Opferrolle ist. Wir sind außerordentlich dankbar für die Solidarität mit allen unseren kolumbianischen Brüdern und Schwestern, die in diesen Tagen zu Opfern eines wahrhaft faschistischen Staates geworden sind und die wegen ihrer Proteste so viel Schlimmes durchmachen müssen.

Friedensgemeinde San José de Apartadó, 6. Mai 2021