Kontrolle und Drohungen in Friedensgesprächen

Ein  neuer Bericht der Friedensgemeinde San José de Apartadó in Nordkolumbien vom März 2026: Das Leben in unserer Region hat sich zu einem hektischen, naiven und düsteren Szenario aus Unsicherheit und ständiger Angst entwickelt. In der Gesellschaft herrscht ein ständiges Gefühl der Fassungslosigkeit darüber, dass wir in einer Zeit leben, in der wirtschaftliche und militärische Macht als das Wichtigste bezeichnet wird, besonders von denen, die mit Waffen, Unterdrückung, Drohungen und Tod alle Bereiche der Gesellschaft kontrollieren. Die Zivilbevölkerung, insbesondere die Landbevölkerung, ist inmitten fremder Interessen gefangen, die Gewalt über das Leben stellen. Wir stehen vor einem illegitimen Staat, da er nicht derjenige ist, der das Gebiet tatsächlich kontrolliert und regiert.

Alles ist der Macht der Paramilitärs ausgeliefert, die die Regeln des gesellschaftlichen Verhaltens diktieren und darüber entscheiden, wie die Landbevölkerung in der Region zu leben hat. Diese Zwangsmaßnahmen und diese Kontrolle haben ein Klima der Angst geschaffen, da die legitime Staatsgewalt an Einfluss verloren hat und die Bevölkerung sich von den Institutionen im Stich gelassen fühlt; sie sieht sich gezwungen, Regeln zu befolgen, die ihnen von illegalen Akteuren auferlegt werden, um zumindest mühsam überleben zu können.

Seit mehreren Monaten führen die Paramilitärs und die derzeitige Regierung mit Unterstützung verschiedener Länder als Garanten Friedensverhandlungen; doch der Alltag in der Region spiegelt eine Realität wider, die sich stark vom offiziellen Diskurs unterscheidet. Die Mord- und Vernichtungsdrohungen gegen unsere Gemeinschaft und die Bewohner unserer Umgebung haben nicht aufgehört.

Die Kontrollmechanismen, Einschüchterungen und Übergriffe haben zugenommen. Hinzu kommt eine fast absolute und gnadenlose Kontrolle über die wirtschaftlichen Vorhaben der Bauern, was sich unmittelbar auf deren Lebensunterhalt und ihre Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln auswirkt. Der Befehl der Paramilitärs verbietet etwa den Bauern, Rinder (Vieh) für den menschlichen Verzehr im Verwaltungsbezirk San José de Apartadó und in ganz Urabá zu verkaufen und zu schlachten.

Der mysteriöse Tod von alias „Gonzalito“ in Córdoba führte seinerzeit zu einem Stillstand der Verhandlungen mit der Regierung, als wäre dieses Ereignis als Vorwand oder Strategie genutzt worden, um die Friedensgespräche zu beenden.

In den letzten Monaten kam es in der Region Urabá zu mehreren Todesfällen, die durch extrem gewalttätige und grausame Methoden verursacht wurden.

Seit Oktober 2025 hat es wieder viele Vorfälle gegeben, die ich hier zusammenfasse (d. Ü.):

Gleich Anfang Oktober gab es wieder verschiedene Morddrohungen gegen mehrere Mitglieder der Friedensgemeinde, darunter José Roviro López, Mitglied des internen Rates (er war im Rahmen seiner Europareise auch zu einer Veranstaltung nach Wiesbaden gekommen und hatte über die derzeitige Situation in der Friedensgemeinde berichtet.)

Des Weiteren wiederholten sich die Morddrohungen gegen José Roviro und andere Mitglieder der Friedensgemeinde. Zusätzlich wird von mehrfachen Störungen privaten Eigentums, Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung berichtet. Diese bedrohliche Situation führte auch dazu, dass ein ansässiger Bauer aus Angst um sein Leben und das seines Sohnes sein Land verließ.

Aus gegebenem Anlass erinnern die Verfasser des Blogs an die Morde vom 6. Oktober 1997, die von der FARC damals angeblich deshalb begangen wurden, weil sie Bewohner unserer Friedensgemeinde beschuldigt und bedroht hätten. Sie warfen ihnen vor andere wegen unzuverlässiger Loyalität der Gemeinschaft gegenüber angegriffen zu haben. Die Verfasser des Blogs betonen in diesem Zusammenhang, dass alle Mitglieder immer freiwillig zur Gemeinschaft stehen.

Andere Vorwürfe und Anschuldigungen:

Die Gemeinschaft habe heimlich menschliche Überreste geplündert und exhumiert, um sie anschließend zu verkaufen. Es wird aber von der Gemeinschaft versichert, dass sie die Totenruhe respektiere.

Die Verfasser des Blogs weisen darauf hin, dass auch 22 Monate nach dem Tod zweier Mitglieder (19. März 2024) noch keinerlei Untersuchungen stattgefunden haben.

Die Paramilitärs haben Anfang des Jahres 2026 den Bauern den Kauf, Verkauf und die Schlachtung von Tieren (Rinder) untersagt. In einigen Fällen verlangen sie, dass die Handelsgeschäfte sowohl vom Käufer als auch vom Verkäufer registriert werden, wobei sie die Angabe persönlicher Daten verlangen, die eigentlich nur die zuständige Behörde einfordern darf. Paramilitärische Anführer verhängten wahllos Geldstrafen gegen mehrere Bewohner und drohten ihnen mit schwerwiegenden Konsequenzen, sollten diese nicht bezahlt werden.

Am Donnerstag, dem 19. Februar 2026, sind 23 Monate seit dem Tod von Nalleli Sepúlveda und Edinson David vergangen, die am 19. März 2024 durch die kriminellen Hände der Paramilitärs ermordet wurden. Noch immer gibt es keinerlei Strafverfolgung der Schuldigen.

Unsere ethischen und moralischen Grundsätze und Überzeugungen, die unser Leben prägen, sind unverzichtbar und unerschütterlich. Unser Aufschrei vor der Menschheit und der Geschichte wird so lange anhalten, bis die Verfolgung und der Versuch unseren Lebensentwurf auszulöschen ein Ende finden. Gleichzeitig bekräftigen wir unsere Dankbarkeit gegenüber all jenen, die uns mit ihrer moralischen Kraft beistehen.

Comunidad de Paz San José de Apartadó

13. März 2026

http://www.cdpsanjose.org