Unsere Realität: Immer neue Morddrohungen

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Ein neuer Bericht der Friedensgemeinde San José de Apartadó in Nordkolumbien vom Oktober 2025: Unsere Friedensgemeinschaft wendet sich erneut an die Menschheit und an die Geschichte, um Zeugnis abzulegen von der Barbarei, der wir als Gemeinschaft ständig ausgesetzt sind.

Die Verteidigung des Lebens und unseres Territoriums mit gewaltfreien Mitteln ist unser wesentliches Prinzip. Doch man versucht, uns ein Leben aufzuzwingen, das unseren Prinzipien, Werten und universellen Überzeugungen für das Leben widerspricht. Die Verteidigung des Territoriums und des Lebens auf der Grundlage ethischer und moralischer Prinzipien wird immer komplexer, und zwar nicht etwa, weil es einen Konflikt zwischen bewaffneten Gruppen in der Region gibt, sondern, im Gegenteil, weil die Institutionen, die den Rechtsstaat bilden und repräsentieren, nachlässig sind und zulassen, dass sich die paramilitärische Kontrolle ungehindert zu einer neuen Gesellschaftskultur entwickelt, die das Illegale legitimiert.

Der Tod, die Vertreibung, die ständigen Drohungen und Verfolgungen, der sich unsere Gemeinschaft und ihre Mitglieder konfrontiert sehen, sind nur einige Beispiele für die Unfähigkeit des Staates, der paramilitärischen Kontrolle Einhalt zu gebieten. Die Zerstörung eines würdigen Lebens führt letztendlich vielleicht zu einer Zukunft ohne Bauern, ohne Umwelt, in der die einzigen Nutznießer die Unternehmen sind, die den Krieg durch ihre wirtschaftlichen Interessen finanziert haben.

Die Tatsachen, die wir hier festhalten, sind die folgenden:

Am Donnerstag, dem 24. Juli 2025, wurde abends ein schwarzer Lieferwagen gesichtet, der in Höhe des Grundstücks La Roncona, das unserer Gemeinde gehört, geparkt war und von Männern in schwarzen Anzügen und mit Pistolen bewacht wurde, während eine Delegation unserer Gemeinde aus dem Ortszentrum von Apartadó zu unserer Hauptsiedlung San Josecito unterwegs war. Dies führte zu einer Verzögerung und Änderung der Ankunft unserer Delegation in der Gemeinde.

Am Donnerstag, dem 7. August 2025, gegen 13:30 Uhr, stellten wir die Anwesenheit mehrerer bekannter Paramilitärs in Zivilkleidung mit Funkgeräten und Schusswaffen auf dem Gemeindegrundstück La Cabaña in La Resbalosa fest.

Am Montag, dem 1. September 2025, flog ein Hubschrauber über das Friedensdorf Paz Luis Eduardo Guerra.

Am Dienstag, dem 16. September 2025, erfuhren wir von der illegalen Einrichtung einer Mautstelle auf Höhe der Ortschaft La Batea an der Straße, die vom Ortszentrum von Apartadó zum Ortszentrum von San José führt. Der freie Verkehr von Personen, die sich in Fahrzeugen fortbewegen, wird von der Zahlung der dort erhobenen Gebühr abhängig gemacht.

Am Donnerstag, dem 18. September 2025, wurde offiziell die erste Erklärung zwischen paramilitärischen Gruppen und der kolumbianischen Regierung in Katar bekannt gegeben, die den Demobilisierungsprozess vorantreiben. Während in Katar über Frieden gesprochen wird, nehmen in unserem Gebiet die Drohungen gegen unsere Friedensgemeinschaft und die Bewohner unserer Umgebung zu.

(Anm. d. Ü.: Im Zuge ihrer Politik des „totalen Friedens“ – paz total – hat die Regierung des linken Präsidenten Gustavo Petro im September in Doha mehrtägige Gespräche mit dem „Clan del Golfo“ genannten Paramilitär-Kartell geführt, das 45 Prozent der Drogenexporte Kolumbiens kontrolliert und am illegalen Bergbau verdient. Ziel der Regierung ist eine Befriedung durch Waffenabgabe, die Paramilitärs – die in Katar beharrten, nicht so genannt werden zu wollen – kündigten an, Kindersoldaten freizugeben, die Wahlen 2026 nicht zu stören und beim Ersatz illegaler Anbauflächen und bei Drogen-Substitutionsprojekten mitzuwirken und dabei die Teilnahme der lokalen Bevölkerung zuzulassen. Ziele also, die nach den Erfahrungen der Friedensgemeinde dem bisherigen Verhalten der Paras diametral entgegengesetzt wären.)

Am Freitag, dem 19. September 2025, lädt die Staatsanwaltschaft von Apartadó erneut German Graciano Posso, den Rechtsvertreter unserer Gemeinschaft, und Pater Javier Giraldo, unseren langjährigen Begleiter, zur Aussage vor. Es ist beschämend und beunruhigend, wie die Staatsanwaltschaft ihre Mitglieder schikaniert, damit sie vor Gremien aussagen, die aus Beamten bestehen, die sich hinter der Legalität verstecken, um die Hunderte von Verbrechen zu vertuschen, die in den letzten mehr als 28 Jahren gegen unsere Gemeinschaft begangen wurden, und damit den Kriminellen mit ihrer Lizenz zur Straffreiheit freie Hand lassen. Es reicht!
Am selben Tag berichteten regionale Radiosender über die angebliche Festnahme eines Paramilitärs mit dem Spitznamen Cachorro, der wegen der Bildung einer kriminellen Vereinigung und wegen territorialer Kontrolle in San José de Apartadó angeklagt ist.

Am Samstag, dem 20. September 2025, gegen 19 Uhr waren mehrere Schüsse oder Salven aus Langwaffen in der Nähe der Militärbasis von San José de Apartadó zu hören. Trotz mehrerer Zeugen des Vorfalls behaupteten die Militärs, es habe sich um Feuerwerkskörper gehandelt.

Am Freitag, dem 26. September 2025, erfuhren wir, dass einige Bewohner der Region, die Zugang zu den von der Regierung über die Nationale Schutzeinheit UNP angebotenen Sicherheitsprogrammen beantragen, ihre Anfrage damit begründen, dass sie von unserer Gemeinschaft bedroht würden. Es gibt kein plumperes Argument für diejenigen, die aufgrund von Drohungen oder Gefahren Schutz suchen, da die einzigen Gewalttäter die Paramilitärs sind, mit denen sie ständig zusammenarbeiten.

Am Samstag, dem 27. September 2025, wurden wir tagsüber darüber informiert, dass die Paramilitärs in den Dörfern Mulatos, Resbalosa und La Esperanza damit prahlen, dass sie über alle Bewegungen der Führer unserer Gemeinschaft, wenn diese sich an diesen Orten aufhalten, bestens informiert seien.

Am Sonntag, dem 28. September 2025, erfuhren wir, dass in einigen Dörfern, darunter Mulatos, die Bewohner Funkgeräte benutzten. Diese Geräte, die zur Kommunikation zwischen den Bauern verwendet werden, ermöglichen es aber auch den Paramilitärs unbemerkt Gespräche mitzuhören. So können sie ihre Kontrollfunktion ungehindert ausüben, da zwischen Zivilisten und bewaffneten Akteuren nicht unterschieden werden kann.

Am selben Tag, erfuhren wir, dass einige Bewohner des Gebiets Mulatos, die im Dienst der Paramilitärs stehen, behaupten, dass Mitglieder der Gemeinschaft, die in Mulatos leben, den Funkverkehr der Paramilitärs in der Region abhören. Wir machen diese Einwohner für alles verantwortlich, was uns widerfahren könnte, und weisen darauf hin, dass unsere Gemeinschaft weder ein Geheimdienst ist noch sich in irgendeiner Form an solchen illegalen Kriegsstrategien beteiligt.

Am Donnerstag, dem 2. Oktober 2025, erfuhren wir von den Erklärungen des Militärs zu den Schüssen, die in der Nähe der Militärbasis von San José zu verzeichnen waren. Sie warnen, dass es sich um „Jäger handelt, die in der Nähe der Militärbasis auf der Jagd sind”, und wir fragen uns: Haben die Jäger vielleicht selbstgebaute Schrotflinten, die Salven abfeuern? Jagen sie nachts? Oder ist etwas im Gange, das vertuscht werden soll? Mehrere Dorfbewohner haben bereits ihre Angst zum Ausdruck gebracht, da sich diese Vorfälle bereits mehrfach ereignet haben, in der Regel nachts.

Am Samstag, dem 4. Oktober 2025, gegen 18 Uhr betraten zwei Paramilitärs in der Ortschaft La Unión das Friedensdorf Rigoberto Guzmán, ein Privatgrundstück unserer Friedensgemeinschaft. Mehrere Stunden lang terrorisierten und beunruhigten sie die Familien der Gemeinschaft mit Drohungen und Lärm.

Am Sonntag, dem 12. Oktober 2025, wurden wir über eine illegale Landbesetzung informiert, an der die Herren Braider Antonio Úsuga Tuberquia, Luis Yair Úsuga Tuberquia, Yeferson Úsuga und Israel Tuberquia Zapata beteiligt waren.  Anscheinend findet diese Besetzung von Privatgrundstücken seit dem Vortag statt, wobei auch Luis Yair Úsuga Tuberquia beteiligt ist, der als Paramilitär schon 2018 Familien aus dem Dorf La Unión zu einem Treffen mit Paramilitärkommandanten einberufen hat. Obwohl dies in unseren historischen Aufzeichnungen mehrfach erwähnt wird, hat keine Untersuchung zu einem Ergebnis geführt.

Am Montag, dem 13. Oktober 2025, wurde in den lokalen Medien bekannt, dass mindestens 17 Häftlinge aus der Polizeistation von Apartadó geflohen sind, darunter ein bekannter Paramilitär, der im Bezirk San José operierte. Wenn das die Gerechtigkeit ist und das die Autorität, der sie unterworfen sind, dann sprechen die Tatsachen für sich selbst. Eine Schande.
Am selben Tag begab sich eine Delegation unserer Gemeinde zu dem als El Palmar bekannten Grundstück in der Ortschaft La Unión und stellte fest, dass sich dort einige Personen illegal aufhielten.

Am Dienstag, dem 14. Oktober 2025, wurden Arbeiter, die sich auf den Weg machten, um einige Rinder auf dem Grundstück El Palmar zu versorgen, von Braider Úsuga und Luis Yair Úsuga, den Besetzern des Grundstücks, angesprochen und darauf hingewiesen, dass ihnen der Zutritt zum Grundstück untersagt sei und sie den Zustand der Rinder auf dem Grundstück nicht überprüfen dürften.

Am Mittwoch, dem 15. Oktober 2025, begab sich eine Delegation unserer Gemeinschaft in Begleitung des Bürgerbeauftragten zu dem besetzten Gemeinschaftsgrundstück. Es wurde versucht, einen Dialog zu führen, doch die Besetzer erklärten, dass sie daran nicht interessiert seien, dass sie dort seien und nicht gehen würden. Sie äußerten allerlei Unsinn gegen einige Mitglieder unserer Friedensgemeinschaft, woraufhin die Gemeinschaft ruhig und still blieb. Schließlich zog sie sich demütig von dem Ort zurück.
Am selben Mittwoch, dem 15. Oktober 2025, wurde über den Rundfunk die Intervention von Herrn Braider Úsuga bekannt, der verschiedene Verleumdungen gegen unsere Friedensgemeinschaft äußerte, um seine invasive Handlung auf einem Grundstück zu rechtfertigen, das gemeinschaftliches und individuelles Eigentum von Mitgliedern unserer Gemeinschaft ist. In der Audioaufnahme ist zu hören:
[… sie die Dinge nicht durch Verkäufe regeln, sondern dadurch, dass wir das Gebiet verlassen haben … es gibt Dokumente, die sie selbst erstellt haben, in denen sie uns unter Druck setzen wollen, indem sie sagen, wir sollen das Land in Ruhe lassen, bis ein Richter entscheidet, damit sie den Besitz übernehmen und ihn für sich beanspruchen können …”] In seiner Rede greift er zu Verleumdungen und Stigmatisierungen unseres Gemeinschaftsprozesses.

Es stimmt zwar, dass für einen Teil des Grundstücks El Palmar ein Verfahren zur Formalisierung des Eigentums gemäß den gesetzlichen Bestimmungen läuft. Aber diese Anträge wurden für die Bereiche des Grundstücks gestellt, die die Gemeinschaft und ihre Mitglieder seinerzeit legal und unter strikter Einhaltung der kolumbianischen Rechtsnormen erworben haben, wobei alle formellen und rechtlichen Verfahren dieser Formalisierung bereits abgeschlossen sind, ohne dass jemand gemäß den gesetzlichen Bestimmungen Widerspruch eingelegt hätte. (…)

Am Donnerstag, dem 16. Oktober 2025, wurden wir über neue Drohungen gegen den internen Rat der Friedensgemeinschaft informiert, darunter gegen German Graciano, Arley Tuberquia, Roviro López (Roviro war kurz darauf auf seiner Tour durch Europa und berichtete auch bei uns in Wiesbaden über die Friedensgemeinde. Er ließ durchblicken, dass für ihn persönlich dieser Aufenthalt in Europa eine Zeit der Entspannung war, da er hier nicht um sein Leben fürchten musste) und Gildardo Tuberquia.

Inmitten der Belagerungen und Morddrohungen setzt unsere Gemeinschaft weiterhin auf das Leben.
Das Vermächtnis unserer Großeltern und Vorfahren, eine würdigere Welt zu schaffen, bestärkt uns in unseren Grundsätzen, das Leben als das Wesentliche zu verteidigen.

Friedensgemeinde San José de Apartadó, 16. Oktober 2025

http://www.cdpsanjose.org

twitter; @cdpsanjose

* Kursiv geschriebenes stellt eine Zusammenfassung von Ereignissen durch d. Ü dar.